Eindrücke von David - Teil 9

Wir durchquerten langsam die Schneegrenze
Wir durchquerten langsam die Schneegrenze

Tag 33 (26.04) Borowez (BGR) - Sofia (BGR)

Distanz: 94,3 km

Wir hatten uns heute vorgenommen den 1444m hohen Petrohanpass zu überqueren. Vor uns lag ein  22 km Anstieg, der durchgängig über 5% Steigung hat. Als wir losfuhren, war es noch ziemlich warm und ich hatte ein T-Shirt und eine kurze Radlerhose an. Kurz vor dem Anstieg machten wir noch kurz Rast für ein 2. Frühstück. Eine Frau sah mich dabei ungläubig an und fragte mit einem Handzeichen Richtung Petrohanpass, ob wir da hoch wollen. Ich nickte. Sie schaute ungläubig auf meine kurze Hose und gab mir zu verstehen, dass es da oben sehr kalt sein würde. Sie sollte Recht behalten...nach 10 km Steigung durchquerten wir langsam die Schneegrenze und ich hatte immer noch mein kurzes Outfit an. Ich war aber so am Schwitzen, das ich nicht am Straßenrand anhalten wollte.  Wir hatten noch 12 km vor uns und eine momentane Temperatur von 3 °C, Tendenz fallend. Ich sagte zu Martin, dass ich anhalten werde, um mich umzuziehen, sobald die erste Hütte kommen würde. Ich hielt mein Wort. Allerdings war die nächste Hütte erst auf den Gipfel :-). Es schneite als wir ankamen und ich hatte immer noch meine kurzen Sachen an. Schnell zog ich mich auf der Toilette, die sich übrigens draußen befand, um. In der Hütte gab es einen Kamin und wir wärmten uns erstmal etwas auf. Zu essen gab es eine komplett verkochte Hühnersuppe, die mir schlechter schmeckte, als die Kaldaunensuppe aus der Tschechei. Es war aber warm und es gab auch noch Kaffee und Kekse zu kaufen. Nun konnten wir die Abfahrt starten. Der Ausblick war wunderschön und es dauerte auch nicht lange bis wir Sofia erreichten. Hier sollten sich die Wege von Martin und mir für ein paar Tage trennen. Martin wollte den Musala (höchster Berg von Bulgarien) besteigen und ich wollte meinen Kumpel Hristo besuchen, den ich auf einer meiner Arbeitsreisen kennengelernt hatte. Ich checkte erstmal in ein Hostel ein, was einiges zu bieten hatte. Für umgerechnet 10 € gab es neben Unterkunft, 24h kostenlosen Kaffee, ein tolles Frühstück und ein vegetarisches Abendbrot mit einem kostenlosen Bier. Das kostenlose Bier trank ich noch schnell und dann holte mich auch schon Hristo zum Abendbrot ab. Wir gingen ins Zentrum zu einer seiner Lieblingsbars und ließen den Abend gemütlich ausklingen. Wir hatten uns schon lange nicht mehr gesehen und es gab viel zu erzählen. Als ich zurück im Hostel war, lernte ich noch 2 deutsche Wanderer kennen, die von Istanbul nach Deutschland zu Fuß unterwegs waren. Sie erzählten unter anderem, dass sie an diesem Tag eine tolle vom Hostel organisierte Tour gemacht hatten. Ich nahm mir diese Tour für den nächsten Tag vor.

Ausblick auf Sofia mit Hristo
Ausblick auf Sofia mit Hristo

Tag 34 (27.04) Ruhetag 1 Sofia

Ich wachte erst gegen 8.30 Uhr auf und ließ mir nach einer ausgiebigen Dusche das leckere Frühstück schmecken. 9.30 Uhr starteten ein paar vom Hotel organisierte Touren. Da die 2 Wanderer gestern so sehr von ihrer Tour in Sofia geschwärmt hatten, schrieb ich mich spontan in eine Tour ein. Da es schon 9.28 Uhr war, verschwendete ich auch keine Zeit mir die Details der Tour durchzulesen. Kurz nach der Unterschrift sollte ich mich auch schon in ein Auto reinsetzen. Was mich etwas stutzig machte, war dass wir in eine komplett andere Richtung fuhren als angenommen. Die 2 Wanderer hatten von einer tollen Höhlenerforschungstour gesprochen. Allerdings befanden sich die Höhlen in einer anderen Richtung! Leider musste ich erfahren, dass ich mich für eine andere Tour eingeschrieben hatte. Statt einer Höhlenbesichtigung in der Nähe, fuhren wir zu einer Klosterbesichtigung, mit einer kleinen Besichtigung einer kleinen Höhle neben dem Kloster. Als ob das nicht schon schlimm genug gewesen wäre, sagte man mir auch, dass man erst spät zurück sei, da das Kloster 2,5h Fahrt entfernt war. Ich war gefangen und konnte nicht mehr zurück. Wenigstens lernte ich ein paar neue Leute kennen und konnte Bärenpranke zum Mittagessen probieren. Als ich wieder zurück im Hostel war, wartete Hristo auch schon auf mich. Er hatte uns Plätze in einem traditionellen bulgarischen Restaurant reserviert. Davor wollte er mir noch etwas zeigen und wir fuhren quer durch Sofia, während dessen erzählte Hristo einiges über Sofia. Dann ging es einen langen Anstieg hoch. Am Gipfel war eine alte Drahtseilbahn, die nicht mehr im Betrieb war. Wir kletterten durch die alte Seilbahnstation und erreichten eine Stelle, von der man einen atemberaubenden Ausblick über Sofia hatte. Ein toller Ausflug, ganz nach meinem Geschmack! Das anschließende Essen im bulgarischen Restaurant war super lecker. Hristo musste den nächsten Tag arbeiten und brachte mich daher gleich nach dem Essen zurück zum Hostel. Ich schloss mich noch einem Pub crawl an, das von einem schwedischen Schriftsteller in meinem Alter organisiert wurde. Er kannte die verstecktesten Bars in ganz Sofia. Teilweise mussten wir klopfen und dann ging es abwärts in den Keller. Ein toller Abend!

An der Bar im Club beim Warmup
An der Bar im Club beim Warmup

Tag 35 (28.04) Ruhetag 2 Sofia

Gegen 11 Uhr startete eine Free Walking Tour, der ich mich anschloss. Die Tour war sehr informativ und zeigte Sehenswürdigkeiten im Zentrum von Sofia. Gegen 15 Uhr war ich zurück und traf mich gleich mit Hristo. Er führte mich zuerst in einen Laden, der eine Mischung aus Imbiss und Späti war. Er bot unter anderem deutsches Weißbier aus Flaschen und als Highlight frisch gezapftes tschechisches Bier an. Da der nächste Tag in Bulgarien ein Feiertag war (Karfreitag), waren am Abend viele Leute in der Stadt unterwegs. Im Anschluss gingen wir in eine fancy bar, in der wir uns mit seiner Freundin und ihrer Freundin trafen. Sie wollten am Abend in eine Disco und wollten mich mitnehmen. Ich war etwas hin und hergerissen. Ich wollte mich am nächsten Tag mit Martin in Plowdiw treffen und das bedeutete 167 km Radfahren. Außerdem hatten sie für den ganzen Tag Regen angesagt. Ich wurde dennoch überredet, mitzukommen. Es war gegen Mitternacht als wir einen Club betraten. Der war noch komplett leer. Ich erfuhr, dass es normalerweise auch noch viel zu früh war. Normal würde man hier gegen 1 Uhr zum Tanzen gehen. Als sich der Club tatsächlich gegen 1 Uhr zu füllen begann, verabschiedete ich mich aber. Das Warmup hatte mir schon gereicht und ich wollte ja zeitig aufstehen, was ohnehin schwer werden würde...

Ich ebnete mir meinen Weg!
Ich ebnete mir meinen Weg!

Tag 36 (29.04) Sofia (BGR) - Plowdiw (BGR)

Distanz: 178,3 km

Der Wecker klingelte 7h...ich entschied mich für 2 Ibuprofen und 1h weiteren Schlaf. Ich schaffte es danach tatsächlich aufzustehen. Nachdem alle Taschen gepackt waren, checkte ich aus und wollte losfahren. Das Problem war, dass ich meinen Schlüssel für das Fahrradschloss nicht finden konnte. Ich durchsuchte noch einmal alle Taschen, aber es war kein Schlüssel zu finden. Ein Mitarbeiter vom Hostel bot mir dann an, das Schloss mit Hilfe einer Flex zu öffnen. Mir blieb eigentlich auch nichts anderes mehr übrig. Ich wollte noch ein letztes Mal im Zimmer nachschauen. In der Ritze zwischen Matratze und Bettgestell fand ich ihn dann! Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder ärgern sollte. Es war inzwischen schon 10.30 Uhr und ich hatte laut meiner Navigationsapp noch 167 km vor mir und es regnete. Zumindest konnte ich endlich los fahren. Ich fuhr aus Sofia raus und passierte 2 Seen. Komisch, auf meiner Tour durften doch eigentlich gar keine Seen kommen! Martin hatte irgendetwas von Seen auf seiner Route erzählt...ich hatte doch nicht ausversehen...ich schaute auf meine Navigationsapp. Ich hatte die alte Route über Borowez gestartet. Jetzt kamen zu den 167km noch X km Umweg dazu. Ich suchte mir einen Weg zurück auf die eigentliche Route. Die Straßen waren ziemlich mies und ich kam nur sehr langsam voran. Nach einer Weile war ich endlich zurück auf der eigentlichen Route, doch die Straßen wurden nicht besser. An einem kleinen Parkplatz stand ein Mann, der mich energisch anhalten wollte. Ich sah keinen Unfall oder irgendeine Situation, die meine Hilfe benötigt hätte. Das Ganze schien mir sehr seltsam und ich entschied mich lieber weiter zu fahren. Ich fuhr langsam auf den Mann zu, täuschte rechts an und fuhr links vorbei. Der Mann lief mir hinterher und wollte mich vom Fahrrad runter ziehen. Ich war zum Glück schnell genug...ansonsten hätte ich wahrscheinlich  wenige Minuten später ohne irgendetwas an einem bulgarischen Parkplatz gestanden. Er schrie mir noch irgendetwas hinterher, was sich wie "flieh..." anhörte. In dem Moment hoffte ich nur, dass er kein Auto hatte, um mich zu verfolgen. Ich packte sicherheitshalber das Pfefferspray griffbereit und beeilte mich. Meine App schickte mich dann über einen schlammigen Feldweg und es regnete immer noch stark. Es wurde zwischendurch so schlammig, dass ich schieben musste. Plötzlich versperrte mir auch noch eine Barriere, unter einer Straßenunterführung, den Weg. Ich ebnete mir meinen Weg! Schon jetzt war klar, dass ich erst im Dunkeln ankommen würde. Nach 2 weiteren Kilometern Schlamm, war ich endlich wieder auf einer Straße. 5 km weiter fand ich sogar eine Waschstraße...leider geschlossen (es war ja Karfreitag). Es half nichts, ich musste weiter! Nach 20 Kilometern fand ich dann eine Tankstelle, an der sich ein Gartenschlauch zum Waschen befand. Das Fahrrad wurde grob gesäubert und rollte danach auch wieder besser. Ich war schon jetzt ziemlich platt und der anhaltende Regen trug auch nicht zur Verbesserung meiner Laune bei. Als ca. die ersten 100 km geschafft waren, hörte ich ein Schleifgeräusch am Vorderrad. Eine Schraube am Gepäckträger hatte sich verabschiedet und ich konnte so nicht weiter fahren. Zudem stellte ich fest, dass mein Ständer, wahrscheinlich beim Überqueren der Barriere, abgerochen war. Ich überlegte gar nicht erst, ob es noch schlimmer kommen könnte. Ich musste erstmal schieben und hatte großes Glück. Nach 2km fand ich eine Werkstatt, die mir kostenlos den Gepäckträger wieder befestigte. Ich brauchte erstmal wieder eine Pause und hielt an der nächsten Tankstelle an. Es gab WLAN! So erfuhr ich, dass uns Martin über Couchsurfing eine Übernachtungsmöglichkeit organisiert hatte. Ich teilte ihm mit, dass es bei mir leider etwas später werden würde. Ich sattelte nach kurzer Stärkung von einem Sandwich und 3 Energydrinks wieder auf und fuhr weiter. Da sah ich das erste Schild auf dem Istanbul (426 km) ausgeschildert war. Das setzte zusätzlich Motivation frei und gerade in dem Moment hörte es auf zu regnen. Es wurde langsam dunkel. Immer wieder wurde ich von kläffenden Kötern erschreckt, die auf einmal aus dem nichts auftauchten. Jetzt waren es noch 30km bis Plowdiw in totaler Dunkelheit. Ich war so glücklich, als ich nach 9,5h und 178km endlich mein Ziel erreichte. Bei einem Bier unterhielten wir uns noch mit der freundlichen Ignasia, mit der Martin den Tag verbracht hatte. Nach einer Dusche ging es dann aber auch ins Bett...ich war wirklich platt!